Ein erster Bericht aus dem Katastrophengebiet

08.12.2012 22:28

Von Nadja Glöckler, der Leiterin des MARIPHIL-Kinderdorfs haben wir einen Bericht zur aktuellen Situation erhalten:

Ich bin gestern Abend aus den vom Taifun “Bopha” sehr stark betroffenen Regionen rund um Compostela zurueck nach Panabo gekommen. Die Gegend liegt ca. 50 km von unserem Projektgebiet entfernt und mir wurde bewusst, wieviel Glueck wir im Kinderdorf hatten. Auch wir erlebten von Montagnacht bis Dienstagnachmittag enorm starke Regenfaelle und Sturmboeen, der Garten und Teile der Kinderdorfbaustelle standen unter Wasser, es war viel zu gefaehrlich das Haus zu verlassen, die Kinder konnten nicht in die Schule und das oeffentliche Leben schien fuer einen Tag still zu stehen. Der Taifun wuetete bei uns allerdings mit deutlich weniger verheerenden Auswirkungen als einige Kilometer weiter noerdlich. Dort lag das Zentrum des Taifuns und diese Gebiete waren anfangs nur sehr schwer zugaenglich. Umgestuerzte Baeume und Strommasten, schlammige und zerstoerte Strassen, Erdrutsche und Ueberflutungen erschwerten den Transport der Rettungskraefte und der Hilfsgueter ungemein. Die Anzahl der toten und vermissten Personen wird staendig nach oben korrigiert, es besteht die Gefahr, dass Seuchen ausbrechen, unzaehlige Menschen sind obdachlos und leiden Hunger.

Ende der Woche wagten wir daher den Versuch und machten uns mit einem Truck, beladen mit Reissaecken auf den Weg. Je weiter wir in das Gebiet vordrangen umso deutlicher wurde uns das Ausmass der Verwuestung vor Augen gefuehrt. Wir brachten den Reis nach Siocon, einem Ortsteil vonCompostela, den es besonders schlimm erwischt hat. Dort leben ueber 3000 Menschen und eine Grosszahl der Haeuser wurde komplett zerstoert. Bei der Reisverteilung, welche ohne Strom, abends im Kerzenlicht durchgefuehrt werden musste, kam es zu tumultartigen Szenen. Fuer viele der Menschen bedeutete die Reisspende die erste Mahlzeit dieses Tages und dementsprechend wurde energisch darum “gekaempft”.

Ueberflutete, weggewehte, zerstoerte Huetten, oftmals nicht mal mehr als solche erkennbar, kreuz und quer liegende Bretter, Daecher, Moebel, verstreute Habseligkeiten der Menschen, Strommasten und Stromkabel, umgefallene Kokosnusspalmen, umknickte Bananenstauden, knietiefer Schlamm, tote Tiere, teilweise der Geruch von Faeulnis und Verwesung, so laesst sich die chaotische Szenerie vor Ort am ehesten beschreiben. Im Gespraech mit den betroffenen Personen spuert man deren Verzweiflung. Sie haben unglaublich schlimme Erlebnisse hinter sich und eine mehr als ungewisse Zukunft vor sich. In der Hoffnung auf Hilfe suchen die Menschen sofort das Gespraech mit mir, einer “Weissen”, wollen ihr zerstoertes Haus zeigen, laden zur Totenwache ihrer verstorbenen Angehoerigen ein und schildern ihr Elend. Sie erzaehlen wie sie stundenlang in ihren Huettchen ausgeharrt haben, in der Hoffnung diese retten zu koennen, wie um sie herum alles zusammenkrachte, das Dach wegflog, die Baume in ihre Haeuser gestuerzt sind, wie sie sich mit ihren Kindern auf dem Arm durch schulterhohes Wasser gekaempft haben, wie die Tochter mit den Enkelkindern von den Schlammmassen mitgerissen wurde, wie sie in befestigte Gebaeude, wie Kirchen und Schulen gefluechtet sind, dass Angehoerige noch vermisst werden und dass sie nicht wissen wie es weitergehen soll.

Die Not der ueberlebenden Menschen ist unbeschreiblich. Es fehlt ihnen es an allem. Ihre gesamte Existenzgrundlage wurde durch den Sturm und die Regenfaelle zunichte gemacht. Tausende Hektar Reisfelder, Bananen- und Kokosplantagen sowie Maisanbaugebiete sind komplett zerstoert, viele Nutztiere, wie Schweine, Huehner oder Carabaos sind im Taifun umgekommen. Momentan sind die Menschen damit beschaeftigt, in den Truemmerresten nach noch Verwendbarem zu suchen, es von Schlamm zu saeubern und vor allem eine notduerftige Unterkunft zu errichten. Oftmals besteht diese aus Brettern und bestenfalls einer daruebergespannten Plane. Wer viel Glueck hat, kann bei einem Nachbarn, dessen Haus weniger beschaedigt wurde, unterkommen. Zum Teil gibt es Evakuierungszentren, in denen die Menschen Zuflucht finden. Ich spreche mit vielen Familien. Sie berichten mir alle von denselben Problemen. Sie haben kaum was zu essen, es reicht teilweise nicht mal fuer eine Mahlzeit pro Tag, es gibt kein sauberes Trinkwasser, viele Kinder sind krank, sie hatten tagelang keine trockenen Kleider zum wechseln, es fehlt an medizinischer Versorgung fuer Kranke und Verletzte und die Menschen haben kein Material und Geld um ihre Haeuser wiederaufzubauen. Die Betroffenen waren unglaublich dankbar fuer die Reisspende, welche jedoch angesichts der hungernden Massen eher gering ausfiel. Wir wollen Anfang kommender Woche wieder in das Gebiet fahren und weitere Hilfsgueter, vor allem Reis und Trinkwasser verteilen.