Aktueller Bericht

18.01.2013 18:12

Ein Bericht von Nadja Glöckler:

Es ist deutlich zu erkennen, dass in der Region Compostela nun nach der Sofort-Hilfe langsam die Phase des Wiederaufbaus beginnt. Ueberall sieht man Plakate auf denen steht “Tindog Comval” (Steh auf Comval) und die den Menschen Mut zusprechen sollen. Hilfsorganisationen und die philippinische Regierung konzentrieren sich neben der akuten Versorgung zunehmend auf langfristig wirkende Hilfsmassnahmen. Diese liegen in der Region Compostela vor allem im Agrar-Bereich, da dies die wichtigste Einkommensquelle der Menschen vor Ort war. Dennoch erreicht die Hilfe bei weitem nicht alle Menschen und im Gespraech mit den Farmern, die alles verloren haben wird deren andauernde Not ersichtlich.

Auch wenn ueberall noch immer die Aufraeumarbeiten weitergehen - die Menschen versuchen ihre Huetten zu reparieren oder komplett neu zu bauen, das Stromnetz langsam wieder aufgebaut wird, vereinzelte Schulen wieder unterrichten und Geschaefte wieder Lebensmittel anbieten, die Auswirkungen des Taifuns sind noch deutlich erkennbar.

 

Von einer Rueckkehr zum Alltag kann noch längst keine Rede sein und die Situation ist noch recht angespannt. Es leben immer noch hunderte von Familien in Evakuierungszentren und es ist unklar wo all diese Menschen irgendwann unterkommen sollen. Viele leben von der Hand in den Mund, denn ihre Einkommensgrundlage wurde komplett zerstoert.

MARIPHIL war nun bereits mehrmals vor Ort und um erneute Unterstuetzung zu leisten. Anfangs konzentrierten wir uns auf Sofort-Hilfe durch Reisverteilung, mittlerweile verfolgen auch wir einen nachhaltigen Ansatz und wollen Kleinbauern dabei helfen den Ernteertrag ihrer Reisfelder zu optimieren. Die Reisfelder wurden von den Farmern sehr schnell wieder angelegt, vereinzelt wurde das Reissaatgut von der Regierung zur Verfuegung gestellt, meist haben sich die Farmer allerdings dafuer verschuldet. Die Reisfelder sind nun bereits bepflanzt, die Schwierigkeit liegt nun jedoch darin, einen guten Ertrag zu erzielen, da es sich, wie leider ziemlich oft, um Hybridreis handelt, welcher ohne zusaetzlichen Duenger kaum Ertrag einbringt. Zusaetzlich wird die Situation durch Insekten erschwert, welche sich derzeit stark vermehren und die Reispflanzen angreifen. Der philippinische Vereinsvorstand, welcher auch viele Jahre im Agrarbereich taetig war und entsprechende Erfahrung hat, entscheid daher, dass die Bereitstellung von Duenger und Insektenschutzmittel angesichts der Ausnahmesituation die sinnvollste Art der Unterstuetzung ist. Grundsaetzlich verfolgt MARIPHL einen anderen Ansatz, unterstuetzt und foerdert unter normalen Bedingungen organisches Farming. Derzeit ist allerdings unkomplizierte Hilfe gefragt um die Not der Menschen schnellstmoeglich zu lindern.

Mit dieser Hilfsaktion, welche drei Transportfahren umfasste, konnten insgesamt 460 Kleinbauern aus drei verschiedenen Ortsteilen von Compostela unterstuetzt werden. 136 Farmer in Siocon, 164 in Aurora und 160 in San Jose erhielten Duenger auf organischer und chemischer Basis sowie Insektizidmittel. Die Barangays sind alle aehnlich gross, ca. 400 bis 500 Personenhaushalte und um die 2000 bis 3000 Einwohner. Alle drei Barangays sind flach gelegen und von Reisfeldern umringt, welche durch den Taifun zerstoert wurden. Die wesentliche Einkommensquelle der Bevoelkerung dort ist der Reisanbau. Eine MARIPHIL Mitarbeiterin, welche selbst aus der betroffenen Region kommt, hat die Verteilaktion im Vorfeld organisiert. Ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl der Farmer war die Groesse der Reisfelder. Nur Kleinbauern, mit max. 2 ha Land, sollten unterstuetzt werden. Ausserdem mussten die Empfaenger einen Vertrag unterschreiben auf welchem festgehalten wird, dass sie die Dungemittel und Insektizide nicht verkaufen werden. Im Februar/Maerz erfolgt eine Kontrollphase, in der stichprobenartig Reisfelder aufgesucht und die Situation analysiert wird.

Ich habe mich mit vielen Farmern unterhalten und alle erzaehlten mir, wie hilfreich diese Unterstuetzung durch MARIPHIL fuer sie sei. Das Geld um die recht teuren Duenger – und Insektizidmittel zu kaufen haben sie nicht. Ich begleitete einen Farmer mit nach Hause, er freute sich ueber mein Interesse an seiner Situation und erzaehlte sehr mir viel. Reniel Gardose ist 28 Jahre alt, verheiratet und hat ein Kind. Seine 1,5 ha Reisland standen vor dem Taifun kurz vor der Ernte. Waehrend des Taifuns wurde das Reisfeld durch die Wasser- und Schlammmassen zerstoert und Reniel hatte einen kompletten Ernteausfall. Eine Katastrophe fuer die Familie, deren einzige Einkommensquelle die Reisernte ist. Der Sturm hat die Huette der Familie weggeweht. Bis auf ein paar Steine erinnert nichts mehr an ein Haus, ein riesen Baum liegt entwurzelt auf dem Grundstueck der Familie. Er erzaehlt mir, dass seit dem Taifun die ganze Familie zusammenhaelt. Jeder hilft jedem und so ueberstehen sie die schwierige Zeit. Sie sind auch eine zeitlang in einer weniger beschaedigten Huette in der Verwandtschaft untergekommen. Mittlerweile haben sie sich ein kleines Lagerhuettchen neben ihrem vorherigen Haus als einfache Unterkunft eingerichtet. Um sein Reisfeld neu zu bepflanzen hat Reniel Schulden gemacht, die er jetzt wieder zusaetzlich der Zinsen abbezahlen muss. Fuer ihn ist die Bereitstellung des Duengers und der Insektizide eine sehr grosse Hilfe und er und seine Frau bedankten sich unzaehlige Male. Ende Maerz kann das neu bepflanze Reisfeld abgeerntet werden. Bis dahin versuchen sich Reniel und seine Familie irgendwie durchzuschlagen.

 

Wir haben nochmals die Municipality New Bataan aufgesucht um die aktuelle Versorgung und den Bedarf festzustellen. Dort hat eine Schlamm- und Geroelllawine hunderte Menschen das Leben gekostet. Unzaehlige werden noch immer vermisst. Der Erdrutsch hat einen kompletten Barangay, mit Schule, Health Center, Barangay Hall und hunderten Huetten ausgeloescht. Eine kilometerlange Schneise aus Geroell und Felsbrocken zieht sich vom Berg ins Tal und hat alles mitgerissen und unter sich begraben. Ich unterhalte mich mit den Ueberlebenden im Evakuierungszentrum. Ihre Haeuser liegen unter den Steinbrocken und sie haben wie durch ein Wunder ueberlebt. Sie erzaehlen, dass sie als das Wasser kam nur noch gerannt sind und so der nachfolgenden Schlamm­lawine, die morgens um fuenf Uhr den Barangay Andap erfasste, entkommen konnten. Unzaehlige Menschen hatten weniger Glueck und alle mit denen ich spreche, haben viele Familienangehoerige, Verwandte und Freunde verloren. Wir haben uns zusammengesetzt um die Situation zu eroertern und moegliche Hilfeansaetze zu besprechen. Die meisten von ihnen sind Farmerfamilien und besitzen ein kleines Stueck Land in den Bergen, auf dem sie hauptsaechlich Mais, Cacao und verschiedenes Gemuese anpflanzen. Ihre Sorge gilt der Zukunft. Sie erzaehlen, dass sie in der Kirche, welche als Evakuierugszentrum dient, mit Essen und Trinken versorgt werden, allerdings haben sie keine Moeglichkeit ihr Land wieder zu bewirtschaften und so ihre urspruengliche Einkommensquelle zu aktivieren. Was ihnen dafuer fehlt ist Saatgut, Duenger und Insektizidmittel. Auch sie berichten uns, dass die Aussaat ohne diese zusaetzlichen Mittel, unter anderem angesichts der schwierigen Situation, kaum moeglich ist. Wir koordinieren uns derzeit mit dem ‘Department of Agriculture’ in New Bataan mit dem Ziel eine gemeinsame Hilfsaktion zu starten. Geplant ist, dass das Saatgut von der Regierung verteilt wird und MARIPHIL den Duenger und das Insektenschutzmittel bereitstellt. Diese Aktion ist noch in der Planungs- und Organisationsphase, die Umsetzung soll jedoch Ende dieser oder Beginn naechster Woche erfolgen.

Nach dem Gespraech mit den Farmern in New Bataan kam ein junger Mann auf mich zu. Er hat mich direkt angesprochen und meinte, wenn es irgendeine Moeglichkeit gaebe, irgendeine Art von Arbeit, die ich ihm anbieten koennte, er wuerde jede Art von Job machen. Ich fand seine direkte Art sehr mutig und seine Geschichte hat mich sehr beruehrt. Er lebte in dem Barangay, welcher vom Erdrutsch begraben wurde. Von dem Haus in dem Neil mit seiner Familie wohnte ist nichts mehr zu sehen. Seine Mutter kam ums Leben, sein Vater, die Tante und die Oma sowie weitere Verwandte werden noch vermisst, er ist sich jedoch bewusst, dass sie nicht mehr lebend gefunden werden. Neil hat ueberlebt, da er wahrend des Taifuns in einer anderen Stadt war, in der er eine befristete Arbeit gefunden hatte. Der Taifun hat nun alles veraendert. Er ist mit seinen 22 Jahren das juengste Kind in der Familie, seine drei Geschwister sind bereits verheiratet und haben eigene Kinder. Sie haben den Taifun ueberlebt, sind derzeit jedoch auch im Evakuierungszentrum untergebracht, da ihre Huetten zerstoert sind. Neil will unbedingt seine Geschwister unterstuetzen, damit sie sich wieder ein eignes kleines Huettchen bauen koennen. Er hat sich wahnsinnig gefreut, als wir ihm angeboten haben auf der Kinderdorfbaustelle mitzuarbeiten. Neil hat sofort seine Habseligkeiten, die ihm geblieben sind und in einen kleinen Rucksack passen, gepackt und hat uns begleitet.

Er wohnt nun bei uns im Kinderdorf, arbeitet jeden Tag auf der Baustelle mit. Er ist unglaublich motiviert und hilft noch viel zusaetzlich. Mit den Kindern und dem Kinderdorf Personal versteht er sich bestens. Obwohl Neil schlimmes erleben musste, strahlt er immer und betont wie dankbar er fuer diese Chance ist. Bis jetzt hat er noch keinen einzigen Peso fuer sich ausgegeben. Er sagt das wichtigste ist, dass er seinen Geschwistern helfen kann.

 

Ganz aktuelle Info:

Im Moment kaempfen die Menschen mit erneuten Wassermassen. Hier in Panabo, der Nachbar-Stadt Carmen und auch in den vom Taifun stark betroffenen Gebieten regnet es die letzten zwei Tage fast permanent in Stroemen. Che, die MARIPHIL-Mitarbeiterin in Compostela berichtet, dass die Fluesse und Kanaele ueber die Ufer treten, viele Gebiete bereits wieder ueberflutet sind und vor allem in den Berg­regionen erneut Haeuser weggespuelt wurden.

  

Herzlichen Dank fuer Ihre wertvolle Hilfe!

 

Wir sind dabei auch weiterhin dringend auf Unterstuetzung angewiesen,
um den Menschen im Katastrophengebiet effektiv helfen zu können!

 

Nadja Glöckler, Leiterin MARIPHIL-Kinderdorf