Joseph – Portrait eines Jungen aus dem Kinderdorf

30.03.2012 22:50

Joseph ist zwoelf Jahre alt und lebte ueber vier Jahre auf der Strasse oder besser gesagt im Eingangsbereich eines Geschaefts. Dort haben wir ihn auch das erste Mal angetroffen und sein Erscheinungsbild machte uns augenblicklich deutlich, dass er dringend Hilfe benoetigt. Anfangs war er ziemlich eingeschuechtert und unsicher, was sich dann aber im Laufe des ersten Gespraechs bereits legte.

 

Die Mitarbeiter des Geschaefts unterstuetzten ihn teilweise mit Essen oder gaben ihm Kleider und Schuhe. Der Junge war allerdings, wie an den Wunden und Narben in seinem Gesicht auf den ersten Blick ersichtlich wurde, auch auf der Strasse gewalttaetigen Uebergriffen ausgesetzt und neue Dinge, wie T-Shirts und aehnliches wurde ihm staendig von anderen Strassenkindercliquen geklaut. Er wuchs bei seiner Grossmutter auf, konnte dort aber keine unbeschwerte Kindheit geniessen, da er von anderen Familienangehoerigen und den Nachbarn permanent misshandelt wurde. Es gab laut der Grossmutter einen einschneidendes Ereignis als Joseph sieben Jahre alt war. Die Nachbarn haben den Jungen mehrmals mit einem harten Gegenstand auf den Kopf geschlagen, was nach Aussage der Grossmutter auch die jetzige geistige Beeintraechtigung zur Folge hatte und PauPau (das ist sein Spitzname) dazu veranlasste abzuhauen und auf der Strasse zu leben. Der Aufenthaltsort von PauPau’s Vater ist nicht bekannt, seine Mutter war oftmals weit weg um zu arbeiten und ist mittlerweile mit einem anderen Mann zusammen und hat Kinder mit ihm. Eine Re-Integration des Jungen war ausgeschlossen, da er keinesfalls zu seiner Oma zurueckwollte und die Mutter ihn nicht aufnehmen will. PauPau hat noch nie eine Schule besucht, er kann mit zwoelf Jahren nicht lesen und nicht schreiben.

Seit dem 15. Februar wohnt PauPau nun im Kinderdorf. Er fuehlt sich hier sichtlich wohl und vor allem koerperliche Arbeit, wie beispielsweise im Garten zu helfen, macht ihm enormen Spass. Er wohnt derzeit mit fuenf anderen Jungs im zweiten, erst seit kurzem fertigen Haus. Er kann nun auch schon ein paar Worte auf englisch und deutsch und es ist ein riesen Spass fuer alle, wenn er ueber das Kinderdorfgelaende rennt und laut: “Eeeeeesssseeeeeeennnnn” ruft, um alle zusammenzutrommeln. Er ist ein sehr kontaktfreudiger Junge, er lacht viel und ueberwacht die Situation und das Verhalten der Kids im Kinderdorf sehr genau, um uns dann zu berichten, wer wen geaergert hat usw. Er ist ein richtiger Spassvogel und bringt uns Mitarbeiter und die anderen Kinder oft zum Lachen.

Er gehoert auch eindeutig zu unserern “Troublemaker” und verursacht das eine oder andere mal die Kopfschmerzen unserer Betreuerinnen. Kleinste Ereignisse oder Sticheleien anderer Jungs haben ihn anfangs zum kompletten Ausrasten gebracht. Es fiel ihm sehr schwer seine Emotionen zu kontrollieren und aufgrund seiner vergangenen Erfahrungen ist er sehr empfindlich. Allerdings ist seine Frustrationstoleranz in den letzten Wochen deutlich gestiegen und die Wutausbrueche sind deutlich seltener geworden.

Die anfaengliche Vermutung einer geistigen Beeintraechtigung hat sich bestaetigt. Er nimmt am taeglichen Unterricht im Kinderdorf teil und lernt derzeit lessen und schreiben. Er macht Lernfortschritte und zeigt uns immer wieder ganz stolz, dass er mittlerweile seinen Namen schreiben kann.