Jaime - ein Neuankoemmling mit einer schrecklichen Geschichte

10.05.2012 09:38

Ich dachte eigentlich, dass ich die letzten Monate schon einiges mitbekommen hab und ein bissl abgehaertet bin, aber gestern hab ich von einer Geschichte erfahren, die mich und auch die anderen Mitarbeiterinnen doch sehr mitnimmt. Die Polizei hat einen Jungen zu uns ins Kinderdorf gebracht und es war auf den ersten Blick erkennbar, dass er in einem sehr sehr schlimmen Zustand ist. Komplett abgemagert und der ganze Koerper uebersaeht von Wunden und Narben. Die Polizei hat einen Hinweis von besorgten Nachbarn bekommen und als sie das Haus aufsuchten, haben sie den Jungen mit dem Fuss an einer Kette befestigt und komplett ausgehungert gefunden. Die genauen Umstaende sind noch nicht klar, allerdings soll ihn die Mutter wohl angekettet zurueckgelassen haben und er hatte seit Tagen nichts mehr zu Essen bekommen. Er war bei seiner Ankunft hier total verstoert und zeigte sehr eigenartige Reaktionen.


Als wir ihn dann schliesslich ueberzeugen konnten aus dem Polizeiauto auszusteigen, taute er ziemlich schnell auf. Bereits nach zwei Minuten hat er unsere Sozialarbeiterin Shyanne innig umarmt. Es war sehr ruehrend zu sehen, dass auch unsere Kids aus dem Kinderdorf von seinem Anblick schockiert waren und sie sich sofort um ihn gekuemmert haben. Er hatte keine Hose an und so hat Baksan, einer der Jungs hier, eine seiner Hosen ausgeliehen. Die anderen haben ihm beim Essen Gesellschaft geleistet und danach sein Zimmer gezeigt. Er ist komplett erschoeft ins Bett gefallen und hat erst mal ein paar Stunden geschlafen. Sein gesundheitlicher Zustand ist ziemlich besorgniserregend. Er hustet sehr stark und hat nach eigener Aussage Epilepsie. Er ist geistig ziemlich verwirrt. Sein Alter ist uns bisher noch nicht bekannt. Auf Nachfrage antwortet er, dass er zwei Jahre alt ist, er muss jedoch deutlich aelter sein.


Neuigkeiten vom 12.04.2012

Jaime hatte bis jetzt noch keinen Anfall. Er ist geistig allerdings sehr beeintraechtigt und benoetigt viel Aufmerksamkeit und Betreuung. Hab aber das Gefuehl, dass es ganz langsam bergauf geht mit ihm...

Da er so intensive Betreuung benoetigt möchten wir eine der MARIPHIL Students mit der Betreuung von Jaime beauftragen (momentan haben die Schüler Ferien und heöfen gelegentlich bei MARIPHIL-Projektchen mit)

Neuigkeiten vom 13.04.2012

Jaime, der neue epileptische Junge ist in Tagum im Krankenhaus. Wir waren heute in der Emergency Clinic um ihn und ein paar andere, noch nicht gecheckte Kids untersuchen zu lassen. Gerade als wir das Krankenhaus verlassen haben - wir wurden ohne Untersuchung wieder weggeschickt (kein Arzt da) - hat er uebelst den Anfall bekommen. Hatte er am Tag zuvor auch schon... Die wollen ihn jetzt in Tagum untersuchen und das find ich sehr gut. Shy ist mit ihm dort und wird morgen falls er laenger bleiben muss von mir oder Flor abgeloest. Ich hab den CSWDO gebeten uns doch eine Empfehlung mitzugeben, damit wir dort im Krankenhaus finanzielle Unterstuetung im DSWD Office beantragen koennen und eine der Mitarbeiterinnen aus Panabo hat frueher dort gearbietet... das heisst sie hat angerufen und wir hoffen nun auf eine Beteiligung der Behörde an den Behandlungskosten...

Neuigkeiten vom 15.04.2012

Also der Krankenhausaufenthalt hat sich als hoechst kompliziert rausgestellt. Der Kleine war im Kinderdorf recht gut zu haben, aber bereits am ersten Tag im Krankenhaus ist Shyanne fast durchgedreht, weil er staendig rumgerannt ist und sie mit der Infusionsflasche hinterher. Er hat immer wieder andere Patienten angebettelt und sich auf den Boden uebergeben. Ich bin dann auch hingefahren um sie zu unterstuetzen, denn es war unmoeglich den Jungen zu betreuen und gleichzeitig Papiere zu besorgen, Gespraeche mit Aerzten zu fuehren usw. Am naechsten Tag hat er dann richtig abgebaut... sein psychischer Zustand hat sich deutlich verschlechtert. Er wollte unbedingt zurueck ins Kinderdorf, hat gar nicht verstanden weshalb man ihn staendig pickst und was das eigentlich alles soll... er wurde dann auch aggressiv, hat gebissen, geschlagen, geschrien und wollte staendig abhauen. Er hat also das komplette Krankenzimmer mit ca. 20 anderen kranken Kindern und Angehoerigen auf Trab gehalten. Da sie am Wochenende dort kein CT machen, haetten wir ihn nochmal fast zwei Tage dort festhalten muessen. Ich hab dann gegen den Rat des Arztes entschieden und ihn mit nach Hause genommen. Im Kinderdorf war es vor dem Krankenhausaufenthalt ziemlich einfach mit ihm. Er hat zwar staendig nach Geld und Essen gefragt und hat immer wieder die Motoraeder auf der Strasse angehalten...aber insgesamt war er recht zufrieden.

Sein Zustand hat sich im Kinderdorf wieder stabilisiert. Sein Magen rebelliert derzeit noch ziemnlich, da er unglaublich viel isst und das offensichtlich nicht gewoehnt ist. Ausserdem bekommt er im Moment noch verschiedene Medikamente. Morgen gehen wir nach Tagum um den CT-Scan zu machen. Bin mal gespannt, ob wir ihn dazu bekommen das Krankenhausgebaeude nochmal zu betreten.

Neuigkeiten vom 07.05.2012

 

Ja, eines haben wir schon ganz klar festgestellt… mit Jaime wird es im Kinderdorf nicht langweilig. Neben vielen anderen gesundheitlichen Beeintraechtigungen, wie die vermutete Epilepsie, die mittlerweile verheilten Wunden, Zahnproblemen usw... hat sich nun herausgestellt, dass er auch einen Bandwurm hat und diesbezueglich behandelt wird. Der CT Scan konnte leider noch nicht durchgefuehrt werden, da wir noch auf eine Bestaetigung von der Stadt warten. Es hat sich die Moeglichkeit aufgetan, dass diese die sehr umfangreichen Kosten von ueber 7000 Peso (ca. 130 Euro) uebernehmen koennen, was eine grosse Hilfe fuer uns waere.

Seine geistige Behinderung zeigt sich auch immer deutlicher. Er versteht vieles nicht, sein Wortschatz ist sehr begrenzt, er isst alles was er findet, beispielsweise Libellen, Gekos, Erde usw., er stibitzt uns staendig Dinge aus dem Buero (es macht ihm eine unglaubliche Freude, wenn man ihm dann hinterherspringt) und insgesamt macht er eigentlich grundsaetzlich nicht das, was man ihm sagt. Also kurz gesagt, er haelt uns alle ziemlich auf Trab.

Das Konzept des Kinderdorfs ist nicht auf eine Unterbingung fuer Kinder mit einem solchem Behinderungsgrad ausgelegt. Das bedeutet eine langfristige Aufnahme ist nicht moeglich, da das Kind staendige Betreuung und Foerderung benoetigt, welche hier aufgrund der Personalaustattung und Einrichtung nicht gewaehrleistet werden kann. Wir sind derzeit jedoch im Kontakt mit einer Einrichtung in Davao, welche sich auf diese Kids spezialisiert hat.

Allerdings koennen wir trotz allem Chaos, das der Kleine hier verursacht, auch schon kleine Lernfortschritte feststellen. Er lauft nicht mehr zur Strasse und versucht die Motorbikes und Trycycles anzuhalten und um Geld anzubetteln. Da waren wir anfangs sehr besorgt und staendig auf der Hut. Ausserdem singt er unglaublich gern und auch gut. Er kann die Liedtexte auswendig und ich bin fest ueberzeugt, dass es Lernpotential gibt.

Neuigkeiten vom 10.05.2012

 

Es ist hier drei Uhr morgens und ich sitze neben Jaimes Bett im Krankenhaus in Tagum. Ich habe den Laptop mitgenommen, da klar war, dass ich auf dem Plastikstuhl nicht viel schlafen werde. Wir sind in einem Government Hospital und teilen uns das Zimmer mit weiteren 25 kranken Kindern und deren Angehoerigen. Dementsprechend ist der Geraeuschpegel und das Durcheinander. Ab und zu schaut ein Krankenpfleger mit einem Holzkistchen vorbei, in dem er verschiedene Mittelchen und hunderte von Zetteln herumtraegt und Medikamente verteilt. Unvorstellbar wie er bei diesem Durcheinander den Ueberblick behalten will. Immer wieder schleicht die eine oder andere Katze durchs Krankenzimmer auf der Suche nach was Essbarem. Auch Kaefer und andere Insekten scheinen sich hier recht wohl zu fuehlen, denn diese kann man unter anderem durch Betten und auf dem Boden krabbelnd entdecken. Es gibt keine Mosquitoscreens an den Fenstern und nur eine Toilette und ein Waschbecken im Zimmer. Seife oder Desinfektionsmittel sucht man vergebens. Unvorstellbare Zustaende wenn ich an unsere Krankenhaeuser denke.


Jaime ist nun schon seit zwei Tagen stationaer aufgenommen, was von uns Mitarbeiterinnen einen ziemlichen organisatorischen Aufwand verlangt. In der Regel sind mindestens zwei Betreuerinnen im Krankenhaus erforderlich, um ihn einigermassen ruhig zu halten. Gestern waren Shyanne, die Sozialarbeiterin und Flor, die Sekretaerin zusammen hier. Ja, in solch einem Fall muss jeder einspringen, denn der Betrieb im Kinderdorf mit den anderen 15 Kindern muss ja auch weitergehen.

Einen Tag bevor wir ins Krankenhaus gegangen sind hat sich Jaime am Waterdispenser mit heissem Wasser verbrueht und hat nun auch noch zu allen bereits bestehenden Gesundheitsproblemen eine riesige, offene Wunde am Schenkel. Der Krankenhausaufenthalt muss sich ja schliesslich lohnen...

Jedenfalls wurde Jaime gestern endlich im CT untersucht. Allerdings waren mehrere Anlaeufe erforderlich, denn die ersten Sedierungsversuche, ohne welche die Durchfuerung der Untersuchung undenkbar gewesen waere, wirkten sich gegenteilig aus und er wurde regelrecht wild. Das bisschen Schlagen, Beissen und Schreien das wir schon mit ihm hier erlebt haben, war damit verglichen eine Kleinigkeit. In einem zweiten Anlauf am Nachmittag bekam er dann nochmals drei Injektionen woraufhin er dann einschlief. Nach dieser Dosierung erwartet man einen mehrstuendigen Schlaf, nicht jedoch Jaime, er war nach zwei Stunden wieder hellwach und unterhielt das gesamte Krankenzimmer, eher weniger zur Freude der anderen Patienten.

Jetzt heisst es erstmal warten…
Das Ergebnis des CTs bekommen wir heute anscheinend gegen zwoelf… wenn es denn wahr ist!