Unsere Kinder

19.06.2012 22:53

von Nadja Glöckler

Der Grossteil unserer Kinder lebte vor der Aufnahme im Kinderdorf, meist fuer mehrere Jahre auf der Strasse. Gepraegt sind die Kinder nicht nur durch Zeit als Strassenkind sondern auch durch die frueheren, in der Regel sehr problematischen familiaeren Erfahrungen.

Dementsprechend herausfordend ist die alltaegliche Arbeit mit unseren Kindern. Einige von ihnen haben bis vor ihrer Aufnahme regelmaessig Billigdrogen, wie Vulcasel and Rugby (Klebstoff, Loesungsmittel) geschnueffelt. Bei neuen Kinder kann es vorkommen, dass diese fuer ein paar Stunden nach Panabo verschwinden und dann voellig zugedroehnt wieder kommen. Die Arbeiter der Kinderdorfbaustelle mussten wir bitten, diese Mittel immer weg zuschliessen, da es vorkam, dass die Kinder daran geschnueffelt haben. In diesem von Drogen beeinflussten Zustand sind die Kinder teilweise nicht mehr zurechnungsfaehig. Es kam auch zu gewalttaetigen Ausseinandersetzungen bei denen Messer im Spiel waren.

Gewalt gehoerte zum frueheren Alltag unserer Kinder. Teilweise schon Opfer elterlicher oder sehr oft durch den Stiefvater verursachter Gewalt, sind sie auch auf der Strasse jeglichen Uebergriffen schutzlos ausgeliefert bzw. lernen, dass gewalttaetiges Verhalten “normal” und oftmals der scheinbar einzige Weg ist. Es ist erkennbar, dass sich viele dieses Verhalten zur Abwehr und Verteidigung, zur Durchsetzung von Beduerfnissen sowie als Ausdruck bestimmter Emotionen wie Wut, Enttaeuschung, Verletztheit usw. angeeignet haben. Das bedeutet, dass besonders Neuankoemmlinge zum Teil aggressives Verhalten in Form von sich pruegeln, beissen, Steine werfen, Sachgegenstaende zerstoeren usw. zeigen . Allerdings gab es bisher noch nie einen handgreiflichen Uebergriff auf die Mitarbeiterinnen im Kinderdorf. Ausloeser fuer diese Reaktion sind meistens Kleinigkeiten, in der Regel Auseinandersetzungen zwischen den Kids. Eine kleine Provokation wird als existentiell erlebt und kann Anlass fuer einen dramatischen Wutausbruch sein.

Die Kinder leben auf der Strasse ohne jegliche Struktur und ohne Regeln. Sie sind vor allem nachts aktiv und schlafen den halben Tag. Es gibt niemanden der sie weckt, sie haben eher selten die Moeglichkeit sich zu waschen und zu duschen, sie gehen nicht in die Schule, bekommen keine regelmaessigen Mahlzeiten. Es gibt niemanden der sie unterstuetzt oder anleitet. Sie internalisieren die Werte und Normen der Strasse. Sie stellen eigene Regeln auf und leben nach diesen. Es faellt den Kindern anfangs sehr schwer sich im Kinderdorf an einen strukturierten Tagesablauf und an bestehende Regeln zu gewoehnen. In der ersten Zeit kommt es daher zu viele Gespraechen, Erklaerungen, Diskussionen und auch Auseinandersetzungen. Allerdings hat sich mittlerweile eine Routine im Kinderdorf entwickelt und wir beobachten, dass neue Kinder das von den anderen Kindern vorgelebte System schneller akzepieren und von ihnen lernen.

Zudem wird erkennbar wie sehr die Kinder positive Aufmerksamkeit, Zuneigung und auch koerperlichen Kontakt benoetigen und dies auch geniessen.

Weitere Unterschiede:

  • Schwierigkeiten still zu sitzen und sich zu konzentrieren
  • Schlechter Gesundheitszustand  und Zahnprobleme
  • Teilweise stark mangelernaehrt und unterentwickelt
  • Vereinzelt geistige Beeintraechtigungen auch in Folge von Misshandlungen
  • Enorme Selbststaendigkeit (ueberlebten auf der Strasse) und gleichzeitig so kindlich, schutz- und geborgenheitsuchend und hilfebeduerftig