Hintergrundinformationen

Das Projektgebiet von MARIPHIL befindet sich in einer überwiegend landwirtschaftlich geprägten Region. Projektbesucher bekommen bereits bei der Anreise zum MARIPHIL-Gästehaus in Tubod/Carmen einen ersten Eindruck davon: die ganze Region ist von idyllisch dahinplätschernden Bewässerungskanälen durchzogen und kleinparzellige Reisfelder wechseln sich mit ebenfalls kleinparzelligen Obstplantagen ab. Dazwischen gibt es kleine Dörfer und einzelne Häuschen stehen inmitten der Landschaft. Bauern bestellen mit einfachen Geräten ihre Felder und man begegnet freundlich winkenden Grüppchen von Schulkindern auf dem Weg zur Schule oder zurück nach Hause.

Doch dieser erste Eindruck trügt!

Beschäftigt man sich mit dieser Idylle etwas intensiver, kommen für uns Europäer erschreckende Verhältnisse ans Tageslicht. Die Felder werden mit vorsintflutlichen Arbeitsmethoden bestellt und die Ernte reicht kaum zum Überleben. Viele Felder gehören nicht den Reisbauern selber, sondern Grossgrundbesitzern, welche die Bauern für einen Hungerlohn schuften lassen. Die Kosten für Kunstdünger und Pestizide fressen einen Grossteil des Erlöses für die Reisernte - es fehlt an Know-How und Weitsicht um eine wirtschaftlich erfolgreiche Landwirtschaft zu betreiben. Reisfelder werden in scheinbar lukrative Bananenplantagen für den Export umgewandelt - die Versorgung mit dem Grundnahrungsmittel Reis stagniert, Reis muss teuer auf dem Markt eingekauft werden. Eine Schule besuchen zu dürfen ist ein Privileg - viele Kinder müssen auf den Feldern zum Überleben der Familie beitragen. Ohne Bildung sind die wenigen einträglichen Arbeitsplätze in Industrie, Regierung, Handwerk usw... unerreichbar.

Eine Fassade - ein Teufelskreis!

Diese Erfahrungen haben uns jahrelang auf unseren Projektreisen auf die Philippinen begleitet und schliesslich auch zum Start der Spendenaktion "Land gegen Hunger" inspiriert. Das Ergebnis dieser Aktion ist die Kooperative für Reisbauern, die vor allem das Problem des Reisanbaus und die damit einhergehenden Aspekte der betriebswirtschaftlichen Organisation in der örtlichen Landwirtschaft verbessern soll.

 

Hintergrundinformationen zur sozioökonomischen Situation der Reisbauern auf den Philippinen:

Die Ausgangssituation

Land ist auf den Philippinen sehr ungerecht verteilt. So besitzen  2% der Bevölkerung ca. 36% der Anbaufläche. Hier werden im Mariphil - Projektgebiet auf der Insel Mindanao Bananen, Kokosnüsse, Ananas, Mangos, aber auch viel Zuckerrohr angebaut. Meist für den Export und so nur für die Geldbeutel einiger weniger, sehr reicher Familien. Die normalen Philippinos bleiben in der Regel außen vor. Sie dürfen lediglich für einen Hungerlohn ihre Arbeitsleistung erbringen.

Dieses Land fehlt für den Anbau des Grundnahrungsmittels Reis. Es verwundert also nicht, dass die Philippinen schon fast traditionell einer der größten Reisimporteure sind. Es müssen für das 90-Millionen-Volk mehr als eine Million Tonnen Reis im Jahr importiert werden, so viel wie kein anderes Land. Und das schon über Jahrzehnte. Der Regierung macht der rasante Preisanstieg Anfang 2008 Angst vor Machtverlust durch Unruhen. Sie hat ab sofort die Umwandlung von Reisfeldern in Bauland verboten. Die Präsidentin stellte 600 Millionen Euro zur Ankurbelung der Nahrungsproduktion bereit – ein längst überfälliger Schritt, meint Agrarökonomin Feny Cosico vom auf den Philippinen ansässigen Reisinstitut „Unsere Produktion ist rückständig. Weniger als ein Prozent unserer Reisbauern haben Traktoren oder elektrische Pflüger.“ Weniger als die Hälfte der bewässerbaren Felder haben tatsächlich eine ausreichende Wasserversorgung. Die Bewässerung wird oft genug, gerade in Zeiten mit Wasserknappheit, auf die Felder der Großgrundbesitzer umgeleitet.

Das politische Umfeld auf den Philippinen

Das CARP (Comprehensive Agrarian Reform Programm) sollte im Jahr 1988 das zentrale Gesetz der philippinischen Regierung zur Landumverteilung sein. Doch die Umsetzung des Plans blieb bis auf marginale Teile, die Anfang der 90èr Jahre tatsächlich realisiert wurden, im Sumpf der durch die einflussreichen Familien bestimmten Politik stecken oder die Bauern wurden durch politische Entscheidungen wie dem „High Value Developement Act“ von 1995 erneut betrogen. Der HVDA leitete die landwirtschaftlichen Kreditprogramme in den, ebenfalls von den politisch einflussreichen Familien beherrschten Markt für exportorientierte Agrargüter um und somit gezielt an den bedürftigen Bauern vorbei. Diese wurden so noch mehr in die Abhängigkeit getrieben, da sie ja ohne „Zugangshilfe“ der Großgrundbesitzer zum Weltmarkt die nun von Ihnen angebauten Exportprodukte nicht absetzen können. Doch diese „Hilfe“ ist nichts anderes als eine Ausbeutung auf eigenem Land...

Wie funktioniert die Ausbeutung der noch vorhanden Kleinbauern?

Der Großgrundbesitzer bietet den Kleinbauern (mit bis zu ca. 3 ha Landbesitz) an, mit Ihnen als „Partner“ Produkte für den Exportmarkt zu produzieren. Um diese anpflanzen zu können, benötigt der Bauer einen Kredit, der natürlich vom Großgrundbesitzer direkt, meist aber über eine (von ihm kontrollierte) Bank vergeben wird. Als Sicherheit dient das Land des Bauern (Dies wurde in einer Nachbearbeitung der Landreform ausdrücklich erlaubt). Hier werden 1% bis zu 10% monatlich als Zins berechnet. Meist spielt sich dies in der oberen Hälfte dieser Zinsskala ab.

Der Bauer erhält durch einen meist sehr langfristig vereinbarten Vertrag von seinem „Partner“ strenge Auflagen, wie er sein Land zu bestellen hat. Dazu gehören vor allem ein massiver Einsatz von Düngemitteln und Insektiziden, aber auch die Wasserversorgung, die ihm zu überteuerten Preisen verkauft werden. Auch die Vorprodukte (z.B. Setzlinge) werden dem Bauern zu überhöhten Preisen verkauft.

Auf der anderen Seite bekommt der Bauer beim Verkauf einen viel zu niedrigen Preis für seine Produkte bezahlt. Die fetten Gewinne bleiben beim Großgrundbesitzer. Die Folge ist ein für die Familie des Bauern mehr als mageres Einkommen, das bei guten Ernten gerade so die Zinsen für den Kredit sowie die Ernährung der Familie abdeckt.

Kommt eine Periode schlechter Ernten (meist aus Witterungsgründen), kann der Bauer seinen Kredit nicht mehr bedienen und verliert sein Land. Meist an die Bank und damit in die Kontrolle des Großgrundbesitzers, der so ein paar Hektar mehr besitzt. Manchmal darf er dann nach „Gutsherrenart“ auf seinem ehemaligen Land bleiben und es für den ehemaligen „Partner“ bewirtschaften. Oft werden ihm dazu ein paar Quadratmeter umsonst überlassen, damit er sich dem Grundherren verpflichtet fühlt, für ihn zu arbeiten und einen Platz für seine Familie behält.

Was soll die Initiative “Land gegen Hunger”
und die daraus entstandene Kooperative für Reisbauern dagegen bewirken?

Fakt ist, dass ca. 70% der auf dem Land arbeitenden Philippinos nur wenige Quadratmeter, meist aber gar kein Land besitzen. Damit sie ihre Lebensmittelversorgung zukünftig eigenständig sicher stellen können, ist die Umsetzung echter Landreformen und damit die Kontrolle über Land und die dazugehörige Infrastruktur (Stichwort Wasserversorgung) zur Bewirtschaftung durch die Bauern eine wichtigste Grundlage. Hier möchte Mariphil ansetzen und durch die Gründung von zunächst einer bäuerlichen Cooperative (Genossenschaft) als Pilotprojekt mehrere Bauern bündeln, Ihnen einen fairen Anteil für Ihre Arbeit ermöglichen und sie fachlich und finanzpolitisch zu beraten. Hierzu können auch Exkursionen in von der GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) begleiteten Farmbetrieben oder andere fachspezifisch arbeitenden Projekte auf den Philippinen gehören. Eine unabhängige Wasserversorgung (z.B. über solar betriebene Brunnen) und kreditunbelastetes oder zu fairen Preisen vertraglich gepachtetes Land sollen die Grundlage für ein wirklich selbst erwirtschaftetes Einkommen geben. Dieses soll ermöglichen, die Familien der Bauern zu versorgen und die Kinder zumindest in die Elementarschule zu schicken. Nach und nach soll im Laufe der Jahre die Selbständigkeit erhöht werden. Der Vorstand des philippinischen Vereins, Mr. Emeterio Blase, ist Agriculturist (studierter Landwirt), eine wichtige fachliche Voraussetzung für den Erfolg solcher Projekte.

Die Gesellschaftsform der bäuerlichen Genossenschaft (Cooperative) ist hierzu auf den Philippinen eine sehr geeignete Organisationsform, da hier die gesetzlichen Grundlagen vorhanden sind und auch akzeptiert werden. Um nicht erneut in die Schlingen der Großgrundbesitzer zu laufen, werden die geplanten Genossenschaften als Mariphil Cooperativen vom „Aidproject Mariphil Inc. “, dem philippinischen Partner des Verein Mariphil, Deutschland gegründet und betreut. Die dort produzierten Agrarprodukte sollen größtenteils zu fairen Preisen auf den heimischen Märkten verkauft und so die Lebensmittelknappheit verringert werden. Ein Teil kann aber auch für den Exportmarkt produziert und direkt verkauft werden, um ggf. den Erlösmix zu erhöhen. Damit entstehen Ressourcen für neue Investitionen in Land und Maschinen. Dies wirkt preissenkend, entspannt langfristig die Ernährungssituation der regionalen Bevölkerung und bewirkt, dass die Cooperativen aus sich selbst heraus wachsen können. Die gewohnten Abhängigkeiten von den Großgrundbesitzern fallen weg.

Martin Riester, Vorstand Hilfsprojekt Mariphil e.V., April 2008